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Grüne Fassadenteppiche: Fassadenbegrünung im Trend

Grüne Fassadenteppiche: Fassadenbegrünung im Trend

In Zeiten des Klimawandels schätzen immer mehr Menschen die ästhetischen und gebäudephysikalischen Effekte von begrünten Fassaden. Ein wichtiges Vorbild dazu bieten einige einige international beachtete Architekturprojekte wie der „Bosco Verticale“ in Mailand oder die neue Stadtverwaltung im niederländischen Venlo.

Bosco Verticale   Bosco Verticale   Bosco Verticale
 Bilder: Bosco Verticale (c)Boeri Studio_Verticale

Grüne Fassaden liegen im Trend
Denn sie schaffen also nicht nur einen lebendigen Blickfang in der Stadt, sie bieten auch eine intelligente Option, um die Aufheizung in unseren Städten einzudämmen und die Luftqualität vor Ort spürbar zu verbessern.

Ein beeindruckendes Beispiel dafür ist die 2017 fertiggestellte neue Stadtverwaltung in Venlo. Der nach Plänen des Rotterdamer Büros Kraaijvanger Architects realisierte Neubau überzeugt nicht nur durch seine transparente Architektur, sondern auch durch einen minimierten Energiebedarf und eine hohe Nachhaltigkeit. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet die mit 2.000 Quadratmetern weltweit größte begrünte Fassade. Die mit rund 42.000 Pflanzen gestaltete Fläche sieht nicht nur gut aus, sie ermöglicht auch eine hocheffektive Wärmedämmung des Gebäudes und fungiert gleichzeitig als urbaner Windfang, als Luftbefeuchter und als Schalldämpfer und Feinstaubfilter. Im Verbund mit zahlreichen weiteren Maßnahmen schafft der Bau damit ein wichtiges Signal für den großen Ehrgeiz der Stadt Venlo in puncto Nachhaltigkeit und Ökoeffizienz.

Ähnlich spektakulär präsentierte sich kurz zuvor der im Rahmen der Expo 2015 realisierte „Bosco Verticale“ in Mailand. Der vom Büro Stefano Boeri Architetti entwickelte „Vertikale Wald“ setzt sich zusammen aus zwei schlanken, 120 und 87 Meter hohen Appartement-Türmen mit weit auskragenden, dabei unterschiedlich großen und üppig begrünten Balkonen. Mitten in der Stadt entstand so ein Lebensraum für 800 Bäume, 5.000 Büsche und 14.000 weitere Pflanzen. Im Zusammenspiel der unterschiedlichen Elemente gelang ein rhythmisch bewegter Neubau mit überraschenden Ansichten, der nicht nur ästhetisch überzeugt, sondern gleichzeitig auch neue Standards für eine ökologische Bauweise von Hochhäusern setzt.

 

Ein ähnliches Konzept hatte 2004 bereits der Pariser Architekt Édouard François mit seinem spektakulären zehngeschossigen Apartmentblock „Flower Tower“ in Paris realisiert. An drei Ansichten finden sich hier umlaufende Betonbalustraden mit 400 Betonblumenkübeln, aus denen dauergrünes Bambusgebüsch wächst. Eine weiteres prominentes Beispiel für eine gelungene Fassadenbegrünung ist die dicht bewucherte, mit rund 15.000 Pflanzen 250 verschiedener Arten umgesetzte Außenhülle des 2007 nach Plänen von Herzog & de Meuron fertiggestellten Museums CaixaForum in Madrid. Und in der Berliner Friedrichstraße freut man sich seit 2008 über die grüne Fassade an den Galeries Lafayette, dem 2012 nur wenige Meter weiter nördlich ein vier Geschosse hoher Pflanzenteppich im Atrium des KulturKaufhauses Dussmann folgte. Auf einer Fläche von 250 Quadratmeter gedeihen hier mehr als 6.000 tropische Pflanzen.

Caixa Forum
Bild: Caixa Forum

Von der Efeu-Fassade zur vertikalen Wand
Ganz ohne Kübel und ohne Erde kommen hingegen die Schöpfungen von Patrick Blanc aus. Der Pariser Botaniker gilt als wichtigster Pionier moderner Fassadenbegrünung. Ausgehend von ausgiebigen Experimenten in der eigenen Wohnung hatte er schon 1988 ein System zur Schaffung von „Murs végétaux“ (Pflanzenwänden) mit vliesbespannten Hartschaumplatten entwickelt und patentieren lassen. Noch im gleichen Jahr konnte er nach diesem Prinzip eine großflächige Pflanzenwand über dem Eingang des Museums Fondation Cartier in Paris realisieren. Einige Jahre später folgte dann eine Zusammenarbeit mit dem renommierten Architekten Jean Nouvel, für den er 2004 einen 800 Quadratmeter großen vertikalen Garten am Musée du quai Branly in Paris gestaltete.

Eine wirklich neue Erfindung sind begrünte Fassaden natürlich nicht. Schon in der Bronzezeit gab es Häuser mit Grasdach. Und dicht mit Efeu oder Wildem Wein überwucherte Fassaden kennen wir ebenfalls seit Jahrhunderten. Neu ist aber die Möglichkeit, riesige Gebäudeflächen ganz ohne Erde – und damit ohne mögliche Wurzelschäden an der Fassade – als senkrechten Garten zu gestalten. Stattdessen basiert das Konzept von Patrick Blanc auf einem an der Fassade montierten Leichtmetallgerüst, auf dem dann zweilagig mit synthetischem Vlies bespannte Hartschaumplatten aufgebracht werden. Am oberen Rand der Wand stehen zusätzlich spezielle Bewässerungsrohre bereit, die zeitschaltuhrgesteuert ausreichend Wasser abgeben. Für die Bepflanzung selbst kommen je nach Sonneneinstrahlung, Himmelsrichtung und Klima winterfeste Farne, Moose, Gräser oder auch kleinere Büsche in Frage.

Galeries Lafayette Berlin
Bild: Galeries Lafayette Berlin

Dussmann KulturKaufhaus, Berlin
Bild: Dussmann KulturKaufhaus, Berlin

Die ästhetischen Qualitäten von grünen Fassaden liegen auf der Hand. Hinzu kommen deutlich messbare gebäudephysikalische und mikroklimatische Vorteile: Bei der wissenschaftlichen Untersuchung der 2010 als Pilotprojekt fertiggestellten Grünen Fassade des Wiener Abfallamtes MA 48 zeigte sich, dass die Begrünung die in Städten übliche Aufhitzung der Fassade um rund zehn Grad Celsius reduzieren kann. Die grünen Fassadenteppiche bieten also in der Tat eine intelligente Option, um die Lebensqualität in unseren Städten zu erhöhen und die Auswirkungen des Klimawandels  einzudämmen.

Weitere Impulse zum Thema soll demnächst der Weltkongress Gebäudegrün WGIC 2021 bieten, der vom 28. bis 30. September in Berlin stattfinden wird. Die europaweit bislang größte Veranstaltung zum Thema will einen themenübergreifenden Erfahrungsaustausch zwischen Städtevertretern, Architekten, Stadtplanern, Siedlungswasserwirtschaftlern, Industrie- und Immobilienvertretern, Herstellern, Verarbeitern, Forschern, Verbänden, Politikern und weiteren Interessierten ermöglichen. Mehr als 100 Referenten, darunter auch Patrick Blanc, werden dabei über Themen wie Nachhaltiges Bauen, Regenwasserbewirtschaftung oder Biodiversität diskutieren.

 

 

Bildnachweis: Titelbild/evannovostro/AdobeStock

 

Robert Uhde

von Düsseldorf nach Oldenburg
Von Düsseldorf nach...: ...Oldenburg
Wie alles begann oder wo sind Ihre beruflichen Wurzeln?: Ich habe Kunst und Germanistik studiert.
Und heute?: ...arbeite ich seit 1997 als freier Journalist. In meiner Freizeit bin ich viel mit dem Fahrrad unterwegs, spiele Gitarre in meiner Band JazzCycle.
Bildnachweis/Portrait: Feindesign, Daniel Penschuck