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More Moor!

More Moor!

Haben wir hier nicht eigentlich genug Feuchtigkeit von oben?! Muss es jetzt auch noch Landstriche geben, deren Böden mehr an nasse Schwämme erinnern?! Reicht es denn nicht, dass wir uns ständig zum Schutz vor den Launen des norddeutschen Wetters in Plastikjacken stecken?! Müssen wir jetzt auch noch unsere Füße in klobige Gummistiefel zwängen?! 

Bevor wir über die Ästhetik von Regenjacken und Gummistiefeln diskutieren, sollten wir erstmal klären, wer diese nassen Schwämme, auch Moore genannt, eigentlich sind und was sie können. 

Moor ist nicht gleich Moor. Unsere zwei Hauptkandidaten heißen Hoch- und Niedermoor. Das eine liegt hoch, das andere niedrig? Jein, die Bezeichnung richtet sich danach, ob das Moor über das Grundwasserniveau hinausgewachsen ist (Hochmoor) oder nicht (Niedermoor). 

Sauer macht listig
Hochmoore oder auch Regenmoore entstehen in sehr feuchten Regionen, in denen es mehr regnet, als Wasser abfließen oder verdunsten kann. In diesen vollgesogenen Schwämmen über einer dicken Torfschicht herrscht ein niedriger PH-Wert zwischen 3–4,8, was für die meisten Pflanzen viel zu sauer ist. Dass ausgerechnet der Sonnentau sich dort zu Hause fühlt, mag paradox klingen. Hübsch aussehen tut er aber. Nur Insekten finden ihn wahrscheinlich etwas arg listig. 

Moortypen, hier finden Sie eine Übersicht:
https://www.bfn.de/themen/biotop-und-landschaftsschutz/moorschutz/moore-entstehung-zustand-biodiversitaet/moortypen 

Sonnentau
Als „fleischfressende Pflanze“ kompensiert der Sonnentau die Nährstoffarmut des Moores: Seine Blattränder sind mit beweglichen Leimtentakeln besetzt. Das zuckerhaltige, im Licht glitzernde Sekret am Ende dieser gestielten Drüsen lockt Insekten an. Die klebrigen Tentakel halten die Beute fest, sondern Verdauungsenzyme ab und gewinnen so gelöste Nährstoffe für das Wachstum der Pflanze. 

Lebensraum für Spezialisten
Für Flora und Fauna gilt hier das Motto: Nur die Harten kommen ins Moor. Die Vielfalt ist auf Grund der extremen Bedingungen begrenzt, aber dafür sind die Bewohner des Hochmoors hochspezialisiert und fühlen sich nur in diesem extremen Lebensraum wohl. 

Das Niedermoor ist die kleine Schwester des Hochmoors, denn die Oberfläche ist (noch) nicht über das Grundwasserniveau hinausgewachsen. In einer Senke oder Mulde entsteht auf einer dünnen Torfschicht eine Art Moosschwamm, der jedoch nicht durch Regen, sondern durch das mineralhaltige Grundwasser seine Feuchtigkeit erlangt. Der PH-Wert ist weniger extrem, zwischen 3,5 und 7, sodass sich hier relativ viele unterschiedliche Tier- und Pflanzenarten wohlfühlen. 

Die verschiedenen Typen des Moores:
https://www.bund.net/themen/naturschutz/moore-und-torf/moortypen

Wollgras
Wattetupfer im Moor: Das flauschige Wollgras ist eine Charakterpflanze des Moores. Das unscheinbare Torfmoos (Sphagnum) links und rechts davon ist die wichtigste Moorpflanze, denn es ist der eigentliche Bildner des Moores, indem es praktisch unbegrenzt wächst: Während die Pflanze sich nach oben entwickelt, stirbt die Basis mangels Luft ab. Daraus entsteht der Torf, in etwa 10.000 Jahren eine Schicht von etwa einem Meter. Das saure Milieu, in dem kaum Konkurrenzpflanzen gedeihen, schaffen sich die Torfmoose selbst. Sie nehmen noch geringste Nährstoffkonzentrationen auf und geben Wasserstoffionen ab.

Fans und Feinde
Zu der Fangemeinschaft der Moore gehören neben Flora und Fauna noch zwei weitere Parteien: Die Umweltverbände und die Torfindustrie.

Die Umweltverbände lieben Moore, da sie nicht nur wertvolle Biotope, sondern auch Wasser- und CO²-Speicher sind. In Trockenperioden gleichen sie als lebende Schwämme den Landschaftswasserhaushalt aus. Gleichzeitig speichern sie schädliche Klimagase wie CO² und Methan.

Landwirtschaft, Torfabbau oder auch Straßenbau (wie zum Beispiel die Küstenautobahn A20) bedrohen jedoch unsere Moore: Niedersachen ist das Bundesland mit den meisten Mooren, von denen jedoch laut Aktion Moorschutz 90 % stark durch intensive Nutzung beeinträchtigt sind.* Nach einer Studie des BUNDs könnten die Treibhausgas-Emissionen jährlich um bis zu 10 Millionen Tonnen CO² sinken, wenn alle niedersächsischen Moore unter Naturschutz stehen würden.**  

Moor in Niedersachsen - Aktion Moorschutz
https://www.aktion-moorschutz.de/moor-infos/moor-in-niedersachsen

Moore in Niedersachsen
https://www.bund-niedersachsen.de/themen/natur-landwirtschaft/moore/fokusthemen/moore-in-niedersachsen/

Die Torfindustrie wäre davon allerdings nicht sonderlich begeistert: Vor 200 Jahren war Torf ein echter „Burner“, da Kohle zu teuer und Brennholz oft zu knapp war. Heute verheizen wir hierzulande zwar keinen Torf mehr, begrünen aber dafür unsere Balkone und Gärten mit torfhaltiger Blumenerde. Nachdem ein Moor aber erstmal für den Torfabbau entwässert ist, dauert die vollständige Renaturierung eines Hochmoores, dessen Moose wieder Torf bilden, tausende von Jahren.*

* Thülsfelder Talsperre e.V.: Moorlehr- und Erlebnispfad „Dausenmoorpad“ Molbergen

Exkurs: Strom aus Torf
Hier im OOWV-Gebiet begann auch die Geschichte der Elektrifizierung mit Torf. Siemens & Halske bauten bei Wiesmoor 1910 ein gewaltiges torfbefeuertes Kraftwerk. Damit wurde Wiesmoor zum Ausgangspunkt des ersten Fernleitungsnetzes der Region. Das Kraftwerk lieferte nach und nach Strom bis Wilhelmshaven, Emden, Leer, Aurich, ins Ammerland, in die Stadt Oldenburg etc. 
In Finnland ist die Diskussion um Torf als Brennstoff für Kraftwerke übrigens brandaktuell.

Renaturierung: Matsch more Moor!
Moorsee
Hier sind die Gummistiefel mehr als nötig: Mittlerweile bekommen viele ursprünglich entwässerte Moorgebiete wieder ihre Feuchtigkeitspackung. Sie werden wieder unter Wasser gesetzt, damit eine Renaturierung stattfinden kann.
Renaturierung
Wiedervernässungsfläche am Molberger Dausenpad
Wiesenschafstelze
Wo Moor wieder Moor sein darf, fühlen sich auch Wiesenschafstelze und Co. wieder more and more wohl

Praxis-Tipp: Sei kein Torfkopp!
Für alle, die ihr Balkonia Moor schonend bepflanzen wollen, hat der NABU bereits eine Gebrauchsanleitung für torffreie Blumenerde erstellt: https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/naturschutz/moorschutz/200203_nabu_handout_torffrei.pdf

Und wer Balkonia danach verlassen möchte und wie ich noch ein altes Paar Gummistiefel vom Praktikum auf dem Bauernhof im Keller stehen hat, sollte unbedingt einen Ausflug zu einem der zahlreichen Moore Niedersachsens machen. Wie wäre es zum Beispiel mit dem Molberger Dausenmoorpad?

Durch diese „Dose“ führt ein abwechslungsreicher Naturerlebnispfad (ca. 3 km nur zu Fuß begehbar).

Den Audio-Guide dazu gibt’s demnächst genau hier (work in progress!).

 

 


Bildnachweis:Zoltan/AdobeStock
Übrige Fotos: ©Johannes Kelschebach

Nora Kelschebach

Oldenburg
Über mich: Studium: Bachelor Nachhaltiges Management, TU Berlin
Heute: Ein bisschen Drama muss sein, deswegen studiere ich jetzt Schauspiel, engagiere mich im Bereich Umwelt und verbringe meine Sommer mit langen Wanderungen.
Bildnachweis: Privat