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Auf ein Wasser mit... Katrin Rodrian

Auf ein Wasser mit... Katrin Rodrian

Ein Interview über die Weltmeister im Teetrinken

Abwarten und Tee trinken? Darin sind die Ostfriesen Weltmeister! Und das nicht nur gefühlt, sondern seit diesem Sommer auch amtlich bestätigt: Stolze 300 Liter Tee werden pro Kopf und Jahr in Ostfriesland getrunken, danach folgen Libyen (287 Liter) und die Türkei (277 Liter). Mit dieser Rekordleistung hat das kleine Ostfriesland sogar große Teenationen wie Großbritannien und Japan weit hinter sich gelassen! Zum Vergleich: Nur 28 Liter schwarzen Tee pro Kopf trinken die Deutschen jährlich im Bundesdurchschnitt.

Wir haben uns mit einer echten Teekennerin über das Grundnahrungsmittel der Ostfriesen unterhalten: Katrin Rodrian ist Leiterin der Regionalen Kulturagentur der Ostfriesischen Landschaft – und nach wie vor begeistert von dem Heißgetränk und seiner Geschichte.

Frau Rodrian, sind Sie selbst eine waschechte Ostfriesin?
Ich selber habe süddeutschen „Migrationshintergrund“. Aber wir haben das Projekt „Teekultur Ostfriesland“ zu zweit durchgeführt: Meine Kollegin Etta Bengen ist in Ostfriesland geboren und aufgewachsen.

Wie fühlt man sich als Weltmeisterin? Und wie hoch war ihr persönlicher Anteil am Rekordergebnis von 300 Litern?
Alle Ostfriesen habe es ja schon immer gewusst. Nicht umsonst gibt es hier die Redewendung „Wenn wi keen Tee hebben, mutten wi starven“. Jetzt wurde es offiziell – und das fühlt sich gut an. Meine Kollegin trinkt 365 Liter pro Jahr und gleicht dadurch meinen Anteil aus.

China ist der weltweit größte Teeproduzent mit einem Anteil von rund 43 Prozent, landet im Ranking aber nur auf Platz 8. Wie fühlt es sich an, als kleines Ostfriesland den Spitzenplatz im Teetrinken zu besetzen?
Ostfriesland hat einige Alleinstellungsmerkmale, die weltweit etwas Besonderes sind. So wie die Friesische Freiheit im Mittelalter. Ostfriesen waren immer frei, nie Leibeigene, wie im restlichen feudalen Europa. Dass der Teeverbrauch in Ostfriesland so einmalig hoch ist, hat viel mit dem Wasser zu tun und der Geselligkeit. Es heißt nicht umsonst „Ostfriesische Gemütlichkeit hält stets ein Tässchen Tee bereit“.

Warum ist der Ostfriesischen Landschaft die regionale Teekultur so wichtig?
Die Ostfriesische Landschaft vertritt Ostfriesland in den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Bildung. Die Teekultur ist dabei ein hohes ostfriesisches Kulturgut – und steht als Alleinstellungsmerkmal neben der Friesischen Freiheit und der Plattdeutschen Sprache in der Region. 2016 wurde die Ostfriesische Teekultur zum Immateriellen Kulturerbe ausgezeichnet. Sie ist verbunden mit vielen Bräuchen. So gibt es zum Beispiel das Elfüührtje, die Teetafel oder die Teetied – auch das ist einmalig.

Wie oft trinken Sie selbst am Tag Tee?
Täglich eine Kanne. Meine Kollegin startet bereits zum Frühstück mit Tee. Das zieht sich bei ihr über den Nachmittag bis zum Abend ...

Welche Rolle spielt das Wasser beim Tee?
Eine besondere! Es gilt in Ostfriesland als sehr weich und gibt dem Tee seine einzigartige Note. Viele Ostfriesen, die im Wohnmobil verreisen, nehmen eigens Kanister mit heimischem „Teewasser“ mit. An dem originalen Ostfriesentee soll es auch an anderen schönen Orten dieser Welt in keinem Fall fehlen.

Hand aufs Herz: Tee oder doch lieber Kaffee? Und Becher oder Tasse?
Nur echten Ostfriesen Tee! Und den auch nur in den kleinen, dünnwandigen Tassen. So entfaltet sich der Geschmack des echten Ostfriesentees.

Haben Sie ein besonderes Erlebnis in Bezug auf Tee, von dem Sie uns erzählen mögen?
Es gibt so viele schöne Geschichten rund um den Tee. Eine liebe ich besonders: In den 1930er Jahren machte die 100-jährige Teetrinkerin Jantjemöh aus Spetzerfehn eine späte Karriere in der Werbung. Sie lebte in ärmlichen Verhältnissen in einer Moorkate in Voßbarg und wurde 105 Jahre alt. Fotos von ihr wurden als Postkarten vertrieben und erlangten schnell Popularität, bis eine ostfriesische Teefirma diese entdeckte. Mit dem Gedicht „Willst du hundert Jahre werden, frei von Krankheit und Beschwerden, reich beglückt ins Grab dann sinken, darfst – wie sie – nur Tee du trinken!“ warb Jantjemöh von nun an für diese Teemarke. Sie verkörperte Ostfriesenart und Teegenuss schlechthin, trank das flüssige Gold von morgens bis abends.


Witwe Jantje Balssen, bekannt als Jantjemöh, Vosbarg b. Strackholt (Ostfriesland), im 103. Lebensjahr

Was ist dran am Spruch „Abwarten und Tee trinken?“
Die Zubereitung des Tees und das Zelebrieren der Ostfriesischen Teezeremonie ist der Inbegriff der Entschleunigung, der Ruhe und der Gelassenheit. Sprichwörtlich wird die Zeit sogar angehalten, indem man die Sahne entgegen dem Uhrzeigersinn auf den Tee legt. Umrühren ist übrigens verpönt.

Wie trinkt man einen echten Ostfriesentee denn nun eigentlich richtig? Welche Regeln gelten bei der Teezeremonie?
Im Rahmen unseres Projektes „Ostfriesische Teekultur“ haben wir die Abläufe der Ostfriesischen Teezeremonie kurz und knapp in den Sprachen Hochdeutsch, Plattdeutsch, Niederländisch, Englisch, in Blindenschrift sowie in Leichter Sprache herausgebracht. Sie können alles Wissenswerte zur Teezeremonie hier per Klick herunterladen.

Erzählen Sie doch mal bitte etwas über das Projekt „Teekultur Ostfriesland“.
Ein Jahr lang haben wir, ein großes Netzwerk aus etwa 50 Personen von Touristikern, Kulturschaffenden und der Gastronomie, das Thema Tee unter vielen Aspekten bearbeitet. Unter anderem haben wir für andere Regionen in Niedersachsen einen Praxisleitfaden entwickelt, wie man das eigene immaterielle Kulturerbe kulturtouristisch umsetzen kann. Weiterhin haben wir ein Gütesiegel „Ostfriesische Teekultur“ für hochwertige Ostfriesische Teezeremonien erarbeitet, mit dem entsprechende Gastronomie, Hotellerie, aber auch Teestuben der Heimatvereine ausgezeichnet werden. Um die Teekultur an die nächste Generation weiterzugeben, bieten wir auch Infoveranstaltungen für Schulen und Kindergärten an.

Was ist ein Ostfriesischer Teebotschafter, was macht er und wer hat diesen Posten erfunden?
Teebotschafterinnen und Teebotschafter sind bekannte Persönlichkeiten, die mit eigenen Geschichten die Teezeremonie weit über Ostfriesland vorstellen und für die Region werben – und uns so dabei unterstützen, ein Stück Heimat in die Welt hinauszutragen.



Auftaktfoto des Projekts „Teekultur Ostfriesland“ am 1. Oktober 2020 mit allen Vertreterinnen und Vertretern des Fachbeirates.

von links:
Rico Mecklenburg Landschaftspräsident; May-Britt Pürschel, Leiterin des Referates Tourismus und Kreativwirtschaft beim Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung
Helmut Collmann, Ehrenpräsident Ostfriesische Landschaft
Landschaftsrat Helmut Markus
Etta Bengen, Vernetzungsstelle „Teekultur Ostfriesland“, Ostfriesische Landschaft
Dr. Rolf Bärenfänger, ehemaliger Landschaftsdirektor
Dr. Matthias Stenger, Landschaftsdirektor
Katrin Rodrian, Leiterin Kulturagentur Ostfriesische Landschaft


Alle Infos zum Projekt: https://www.ostfriesischelandschaft.de/2936.html

Bildnachweis:
Älteste Ostfriesin bei einer Tasse Tee, lesend ohne Brille: Bildarchiv der Ostfriesischen Landschaft
Gruppenbild: Inga Graber, Ostfriesische Landschaft


 

 

Kim Vredenberg-Fastje

ein Heimatkind...
Kim liebt...: ...das Gefühl von Heimat und Meer - und sie hat praktisch beides direkt vor der Haustür.
Lieblingsgetränk: Neben Kaffee, nun ja: am liebsten Wasser. Stilles, weil sie sonst eher laut ist ;o)
Lieblingsthemen?: Einfach alles, was mit Heimat zu tun hat. Es darf auch gerne me(e)r sein.
Bildnachweis/Portrait: Privat

Kim Vredenberg-Fastje

ein Heimatkind...
Kim liebt...: ...das Gefühl von Heimat und Meer - und sie hat praktisch beides direkt vor der Haustür.
Lieblingsgetränk: Neben Kaffee, nun ja: am liebsten Wasser. Stilles, weil sie sonst eher laut ist ;o)
Lieblingsthemen?: Einfach alles, was mit Heimat zu tun hat. Es darf auch gerne me(e)r sein.
Bildnachweis/Portrait: Privat
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