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Die 12 Tiere des Jahres 2024 (Teil 1)

Die 12 Tiere des Jahres 2024 (Teil 1)

Die 12 Tiere des Jahres 2024. Vom Kiebitz bis zum Cafeteria-Geißeltierchen.

Vom „Vogel des Jahres“ haben sicher die meisten schon einmal gehört, aber inzwischen gibt es auch ein „Weichtier des Jahres“, eine „Libelle des Jahres“ und noch einige andere mehr oder weniger populäre, mit Jahres-Titel ausgezeichnete Geschöpfe. Der Hauptzweck der zumeist von Fachgremien proklamierten Jahrestiere ist Öffentlichkeitsarbeit: Es soll auf eine etwaige Gefährdung der Art oder eine Bedrohung ihres Lebensraums oder auch auf eine unangemessene Geringschätzung aufmerksam gemacht werden. Schauen wir uns die „PR-Helden“ des Jahres einmal an …

 

Meilensteine

In den 1970er Jahren entwickelte sich ein schärferes Bewusstsein für den Schutz von Natur und den nachhaltigen Umgang mit unseren Ökosystemen. 1970 startete beispielsweise die wegweisende Dokumentarfilmserie „Sterns Stunde“ des Wissenschaftsjournalisten und Schriftstellers Horst Stern. Statt des possierlichen Tieridylls wurde dem TV-Publikum unser fragwürdiger Umgang mit unseren Mitgeschöpfen und unserer Umwelt vor Augen geführt. 1975 gehörte Horst Stern zu den Gründungsmitgliedern des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland = BUND.

1972 erschien „Die Grenzen des Wachstums“, der Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Darin wurden (u. a.) die Folgen der ungebremsten Ausbeutung natürlicher Ressourcen und der irreparablen Umweltzerstörungen wissenschaftlich fundiert, aber allgemeinverständlich dargelegt.

In dieser Zeit des Aufwachens brüteten NABU (Naturschutzbund Deutschland e. V.) und LBV (Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern e.V.) 1971 die geniale Idee aus, alljährlich einen „Vogel des Jahres“ (V. d. J.) auszurufen. Ein großartiger PR-Erfolg, der anlässlich des Jubiläums „50 Jahre Vogel des Jahres“ 2021 noch getoppt wurde, als die beiden Naturschutzverbände erstmals die Bevölkerung zur öffentlichen Wahl des V. d. J. aufriefen. 

„einfach Heimat“ beteiligte sich wiederholt an den „Wahlkämpfen“: So zur Wahl des Vogels 2022 oder Wahl des Vogels 2023

 

Der Vogel des Jahres als Vorreiter

Was den Gefiederten recht ist, ist dem wertvollen Rest des Tierreichs billig, dachten sich andere zoologisch engagierte Einrichtungen: von der Deutschen Wildtierstiftung über den Deutschen Angelfischverband bis zur Arachnologischen (Arachnidae = Spinnentiere) Gesellschaft und küren nun ebenfalls jährlich eine Spezies ihres Fachgebiets, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Werfen wir einen Blick auf die gekrönten Häupter (bei einem Geißeltierchen vielleicht etwas viel gesagt) des Jahres – beginnend naturgemäß mit dem die Grundidee beflügelnden Vorreiter: dem Vogel des Jahres.

Flott frisiert steht der Vogel des Jahres, der Kiebitz (Vanellus vanellus), auf seinem Feldherrnhügel in einer selten gewordenen Feuchtwiese. Ebenso gut wie als Stellvertreter für bedrohte Wiesenbrüter könnte er als Symbolvogel für einen naturnahen Landschaftswasserhaushalt stehen.

 

Der Tolle mit der Holle 

Der Kiebitz ist als Vogel des Jahres quasi ein alter Hase: Bereits 1996 wurde er, damals noch allein vom Fachgremium des NABU/LBV, erstmals auf den Schild gehoben. Aus dem traurigen Grund, dass sich bereits vor 28 Jahren erschreckende Bestandsrückgänge bei dem ehemaligen „Allerweltsvogel“ abzeichneten. Leider hat sich der Negativtrend ungebremst fortgesetzt: Insgesamt ist der Bestand in den vergangenen 40 Jahren um rund 90 Prozent eingebrochen! Der Hauptgrund ist die Entwässerung seiner bevorzugten Lebensräume Feuchtwiesen und Moore zumeist zugunsten industrieller Land- und Forstwirtschaft. 

Der Wahlkampfslogan des Wiesenbrüters mit der feschen Frisur lautet daher: „Wasser marsch!“ Das mag in Anbetracht der jüngsten Hochwasser zynisch klingen, aber das Gegenteil ist richtig: Ein naturnahes Wassermanagement, das darauf ausgelegt ist, unser Süßwasser in Mooren, Flussauen, Poldern und anderen kalkulierten Überschwemmungszonen in der Fläche zu halten, trägt zum natürlichen Klimaschutz bei und hilft gegen unkontrollierbare Überflutungen. Wo Wasser Raum gegeben wird, sich auszubreiten, nimmt das den Druck von den Deichen. Landschaftswasserhaushalt und Hochwasserschutz müssen heute zusammengedacht und geplant werden.

 

Symbolvogel für einen naturnahen Wasserhaushalt

In wenigen Monaten schon wird vermutlich wieder wie in vorrangegangenen „Dürrejahren“ von Wasserknappheit die Rede sein. Dann verwandelt sich die Sintflut wieder ins kostbare Lebenselixier und wir erkennen, dass es heute keine nachhaltige Lösung mehr ist, bei uns im Nordwesten jedes Jahr 900 Millionen Kubikmeter Süßwasser über unsere Entwässerungssysteme schnellstmöglich in die Nordsee zu pumpen. Das ist mehr Wasser als der OOWV in elf Jahren in seinen 15 Wasserwerken für seine Abnehmer fördert (derzeit rund 220.000 m3/Tag)!

Daher können wir im Kiebitz nicht allein den „Schutzpatron“ der Wiesenbrüter und Feuchtgebiete sehen, sondern auch den Symbolvogel für einen naturnahen Wasserhaushalt – ganz im Sinne der im März 2023 im Bundestag verkündeten Nationalen Wasserstrategie.

 

Hier geht’s zum Kiebitz-Porträt des NABU.

 

Der Seevogel des Jahres

Dem Schutz speziell unserer Seevögel an Nord- und Ostsee hat sich seit über 100 Jahren der Verein Jordsand verschrieben. Er betreut rund 20 Schutzgebiete von Helgoland über die Wattenmeer Nationalparke bis zur vorpommerschen Ostseeküste rund um Rügen. Seit 2014 ruft er einen seiner Schutzbefohlenen zum „Seevogel des Jahres“ aus, der „stellvertretend für eine akute Problematik steht, die besonders bedrohlich für eine Artengemeinschaft oder einen Lebensraum ist.“ In diesem Jahr fiel die Wahl auf eine sehr hübsche Seltenheit: den Sterntaucher.

Die sternchenartigen Sprenkel auf dem dunklen Gefieder des Schlichtkleids (von August bis März) geben dem Sterntaucher (Gavia stellata) seinen Namen. Die besten Chancen auf solch ein Foto gibt’s rund um Sylt.

 

Den wichtigsten Grund für die Wahl nennt Dr. Veit Hennig, Vorsitzender des Vereins und Dozent für Ornithologie und Stadtökologie, Universität Hamburg: „Der intensive Ausbau der Offshore-Windkraft stellt eine starke Bedrohung für den Sterntaucher dar, da er die Windparkareale weiträumig meidet.“ Auch andere Seevogelarten zeigen ähnlich ausgeprägte Meide-Reaktionen Windparks gegenüber. Prof. Dr. Stefan Garthe, Beirat des Vereins Jordsand und Direktor des Forschungs- und Technologiezentrums Westküste der Universität Kiel, fordert daher: „Schutzgebiete müssen großräumig freigehalten bleiben, sonst haben wir mit Windparks die Klimakrise ein Stück weit gelöst, aber die Biodiversitätskrise noch massiv verschärft.“

Hier stellt der Verein Jordsand seinen Seevogel des Jahres vor.

 

Der Igel macht das Rennen

… um den Titel der Deutschen Wildtierstiftung und löst damit den amtierenden Gartenschläfer (wie Haselmaus und Siebenschläfer ein Bilch/Schlafmaus) ab. Seit 1992 benennt die gemeinnützige Stiftung ein Wildtier des Jahres, um es in den Fokus der Öffentlichkeit zu  rücken, seit 2017 dürfen alle Spender*innen wählen.  

Nun ist der Igel, genauer der Braunbrustigel (Erinaceus europaeus), nicht gerade so selten wie sein Vorgänger in Amt und Würden, aber leider ist auch Mecki inzwischen auf die Vorwarnliste* der Roten Liste der Säugetiere Deutschlands gelandet.

* Arten, die merklich zurückgegangen sind, aber aktuell noch nicht gefährdet sind. Bei Fortbestehen von bestandsreduzierenden Einwirkungen ist in naher Zukunft eine Einstufung in die Kategorie „Gefährdet“ wahrscheinlich.

 

Nachtaktives „Heckenschwein"

Verbreitet ist der Igel in ganz Deutschland – in Städten heute bis zu 9 Mal häufiger als auf dem Lande! Der Igel liebt strukturreiche Landschaften z. B. offene Laubwälder oder auch durch Wallhecken untergliedertes Kulturland. Urbane Parks und Gärten, zumal wenn sie mehr als Schnittrasen zu bieten haben, kommen seinen Bedürfnissen eher entgegen als ausgeräumte Agrarsteppen. Als Insektenfresser findet er in unseren Gärten neben Käfer & Co. reichlich Regenwürmer, Schnecken u. ä. Kost. Seine vermeintlichen Vorlieben für Milch und Fallobst gelten unter Fachleuten heute als unseriös.

Der englische Name „hedgehog“ (Heckenschwein) würdigt recht anschaulich die Vorliebe des Igels für Heckenlandschaften und seine oft erstaunlich gut hörbare, rüsselnd, grunzende Nahrungssuche.

Während sein Verwandter der Maulwurf in  Tag- und Nachtschichten sein Waidwerk verrichtet, ist der Igel ganz überwiegende dämmerungs- und nachtaktiv. Zudem ist der Igel ein Winterschläfer, weshalb ihm mit dem Anlegen von Reisighaufen, unter denen er sein Schlafnest anlegen kann, sehr gedient ist. Mähroboter sollten bei Einbruch der Dämmerung Feierabend haben!

Im Herbst müssen sich Igel Fettreserven anfuttern, um die kalte, nahrungsarme Jahreszeit im Winterschlaf davon zehren zu können. Sie rollen sich dafür ebenso wie bei Gefahr zu einer mit 5000 bis 7000 Stacheln bewehrten Kugel zusammen.

 

Einen drolligen Igel als Heimtier ins Haus zu holen, ist übrigens eine ganz schlechte Idee. Nicht bloß weil sie zumeist voller Flöhe und ähnlicher Parasiten sind, sondern weil es zum einen gegen das Bundesnaturschutzgesetz verstößt:

§ 44 BNatschG verbietet es, geschützte Tiere zu fangen, zu verletzen oder zu töten. Es besteht Zugriffs- und Besitzverbot. Bußgelder bis zu 50.000 Euro stehen hier im Raum.

Zum anderen gehören Wildtiere naturgemäß in ihr artgerechtes Biotop. Schnurren, wie sie in Alfred E. Brehms Thierleben zum Besten gegeben werden, sollten der Vergangenheit angehören. Als probates Mittel einen Igel zum zahmen Hausgenossen zu machen, wird dort Folgendes berichtet: 

Dr. Ball erzählt von seinen gefangenen Igeln mancherlei lustige Dinge, unter anderen auch, daß er dieselben mehr als einmal in Rausch versetzte. Er gab einem starken Wein oder Branntwein zu trinken, und der Igel nahm davon solche Mengen zu sich, daß er sehr bald vollkommen betrunken wurde. Ein frisch gefangener Igel soll nach dem ersten Rausche, den er gehabt, augenblicklich zahm geworden sein, und der genannte Beobachter hat deshalb späterhin alle seine Igel zunächst mit süßem Branntwein, Rum oder Wein bewirtet.

[Säugethiere: Zweite Reihe: Krallenthiere, S. 1831. Digitale Bibliothek Band 76: Brehms Tierleben, S. 2879 (vgl. Brehm-TL Bd. 2, S. 253)]

Hier gilt in jeder Hinsicht:  Bitte nicht zu dergleichen anstacheln lassen, bitte nicht nachmachen!

Hier stellt die Deutsche Wildtierstiftung den frisch gekrönten Stachelritter vor.

 

Der Bierschnegel ist das amtierende „Weichtier des Jahres“. 2023 gekürt von der Deutschen Malakozoologische Gesellschaft, sucht er noch seinen Nachfolger für 2024. Da er auf der roten Liste bedrohter Arten steht, wollen wir ihm wünschen, dass ihm zuvor nicht das „Wildtier des Jahres“  begegnet! Aber bis März halten die schneckenhungrigen Igel ja noch Winterschlaf – toi, toi, toi!

 

Die Schnecken hinken etwas hinterher

Im 2. Teil unserer Betrachtung der Jahrestiere werden uns unter anderem ein zu seinem Unglück sehr leckerer Ostseebewohner sowie eine von zwei heimischen Giftschlangenarten begegnen … 

...und vielleicht haben bis dahin ja sogar unsere Malakologen (also die Weichtierforscher) den Nachfolger für den amtierenden Bierschnegel (eine selten gewordene stattlich 10 cm lange Nacktschnecke) gefunden, aber langsam geht eben nicht so schnell …

 

Bildnachweise:

Bild Kiebitz: Johannes Kelschebach
Bild Sterntaucher: Johannes Kelschebach
Bild Igel Johannes Kelschebach
Bild Bierschnegel: Maderibeyza, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2312249

Johannes Kelschebach

meist in Oldenburg und viel unterwegs...
Dürfen wir Sie fragen wie eigentlich alles begann?: Ja, dürfen Sie - studiert habe ich Neu,- und Altgermanistik und Philosophie. Danach war ich viele Jahre als Werbetexter und Kreativdirektor für Agenturen tätig.
Und heute?: Seit 2006 arbeite ich als freiberuflicher Kommunikationsberater.
In Ihrer Freizeit erleben Sie auch viel, oder?: Nun, ich bin oft unterwegs. Vor allem in der Natur. Wie sagt man so schön, als Naturgucker und Vogelbeobachter.
Bildnachweis/Portrait: Privat

Johannes Kelschebach

meist in Oldenburg und viel unterwegs...
Dürfen wir Sie fragen wie eigentlich alles begann?: Ja, dürfen Sie - studiert habe ich Neu,- und Altgermanistik und Philosophie. Danach war ich viele Jahre als Werbetexter und Kreativdirektor für Agenturen tätig.
Und heute?: Seit 2006 arbeite ich als freiberuflicher Kommunikationsberater.
In Ihrer Freizeit erleben Sie auch viel, oder?: Nun, ich bin oft unterwegs. Vor allem in der Natur. Wie sagt man so schön, als Naturgucker und Vogelbeobachter.
Bildnachweis/Portrait: Privat
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