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Norddeutsche Bräuche? Brauchen wir!

Norddeutsche Bräuche? Brauchen wir!

Kindpinkeln und Kranzbinden gehören zu Norddeutschland wie eine zünftige Brotzeit mit Brezel und Maß Bier zu Bayern. Bei diesen Bräuchen stehen Geselligkeit und Zusammenhalt ganz oben. Wie läuft das ab und warum macht man das? Wir haben die Antworten.

Ein normaler Samstagnachmittag in Norddeutschland: Es ist 15 Uhr, bei gut 12 Grad Außentemperatur fällt leichter Niesel auf den grauen Asphalt. Die Nachbarn aus den umliegenden Häusern strömen wie ferngesteuert pünktlich zu unserer Garage. Sie sind mit Gartenhandschuhen und Seitenschneidern bewaffnet, zwei haben Müllsäcke dabei. Was wie der Beginn eines Ostfrieslandkrimis von Klaus-Peter Wolf klingt, ist in Wirklichkeit nur der Auftakt für einen typisch norddeutschen Brauch. Denn unser direkter Nachbar feiert morgen seinen 50. Geburtstag – und traditionell binden die übrigen Nachbarn am Vorabend einen Türkranz aus Tannengrün, Lorbeer, Efeu oder was die Gärten sonst noch an brauchbarem Grün zu bieten haben. 

Wir haben eine Bierzeltgarnitur aufgebaut und Getränke bereitgestellt und natürlich auch ein wenig geheizt. Zur weiteren Ausstattung gehören zwei Schubkarren, ein dickes Tau, zwei Leitern, um den Kranz abzustützen und rückenschonend zu arbeiten, und natürlich mehrere Rollen Bindedraht. Apropos Rollen: Diese sind schnell verteilt: Die Gastgeber (also heute wir) schenken Getränke aus, drei Männer machen sich mit den Schubkarren auf den Weg, um das Grüngut zu besorgen. Die verbliebenen schnappen sich die Utensilien, die auf dem Tisch liegen und legen los: Mit der 50er-Schablone werden diese auf festem Tonkarton aufgemalt, ausgeschnitten und anschließend laminiert, um dem Regen zu trotzen. Diese drei Arbeitsschritte erfordern zwischendurch natürlich auch Schluckpausen. Eine andere Gruppe macht sich ans Schleifenbinden: Ein breites und ein schmales Band in den Lieblingsfarben des Nachbarn werden auf die richtige Länge zugeschnitten und von der Ältesten der Runde zu einer perfekten Schleife zusammengefügt. Danach dürfen sich die Jüngeren an den übrigen 19 Schleifen versuchen, begleitet von Schnacks zwischendurch.

Zwischenzeitlich sind die Männer mit Tannenzweigen, Efeu und Co. zurückgekehrt, das Wiedersehen wird mit einem Bierchen gefeiert. Nun kann das eigentliche Kranzbinden beginnen: Die Mitte des Taus wird ermittelt und die Enden über die beiden Leitern gelegt. Das ist der Startpunkt für die beiden Binder, die jeweils von zwei Nachbarn im Wechsel Strauchbündel angereicht bekommen, die sie mit dem Bindedraht fest um das Tau wickeln. Natürlich muss beim Anbringen die richtige Richtung beachtet werden und der möglichst lückenlose Anschluss, damit der Kranz nachher nicht wie Kraut und Rüben oder gar gerupft aussieht. Nach etwa einer Stunde ist die wunderbare Girlande fertig. Ein „Lütter“ (Schnaps) geht noch auf den Erfolg, bevor die fleißigen Nachbarn alles zusammenraffen und gemeinsam zur Haustür des besagten Nachbarn marschieren. 

Dort angekommen wird der grüne Kranz an den Haken, die über und neben jeder norddeutschen Haustür vorhanden sein sollten, mit Bindedraht fixiert (genau deshalb viele Rollen Bindedraht). Einer steigt dafür auf die Leiter und sorgt für die richtige, mittige Ausrichtung, während er von den Umstehenden wertvolle Hinweise erhält wie „weiter links“, „weiter rechts“, „etwas höher“, „fall‘ nicht runter“ oder „ein schöner Rücken kann auch entzücken“. Sobald das gute Stück hängt, werden die 50er mit farblich passendem Schleifenband und im ausreichenden Abstand zueinander am Kranz festgebunden. Dazwischen kommt dann jeweils eine schöne Schleife, die, Überraschung, mit Bindedraht fixiert wird. Oben in die Mitte des Kranzes, die sich direkt über der Haustür befindet, wird eine große 50 oder ein „Herzlichen Glückwunsch“-Schild angebracht. Und wer Zeit oder besonders viel Tannengrün übrig hat, macht sich noch die Mühe für eine weitere gebunde 50 um Alufelgen, die im Vorgarten platziert und verziert wird.

Dann kommt der große Moment: Es wird geklingelt und der Hausherr tritt aus der Tür, während die Nachbarn grinsend davor stehen und zwei von ihnen Fotos für die Nachbarschafts-Whatsapp-Gruppe schießen. Er betrachtet das Werk, bedankt sich mit einem herzlichen Dankeschön – und natürlich mit noch einem „Lütten“ oder Bier. Nun wissen alle Vorbeifahrenden Bescheid, dass hier jemand „genullt“ hat. 

Darf man den Kranz einfach so wieder abnehmen?
Das sollte man besser nicht tun. Denn auch das Abnehmen des Kranzes wird gemeinsam gefeiert. Gerne mit einem „Lütten“ dabei. Einfach eine kurze Info an die Nachbarn geben, wann man den Kranz abnehmen möchte – dabei sind zwei, drei Wochen Hängezeit schon üblich – und schon kann in 15 bis 30 Minuten das kurze, gesellige Abhängen mit allen, die Lust und Zeit haben, beginnen.

Zu welchen Anlässen werden Kränze gebunden?
Oh, da sind wir Norddeutschen sehr erfinderisch! Gesetzt sind folgende Anlässe: Einzug, Geburt, Hochzeit, runder Hochzeitstag, runde Geburtstage. Darüber hinaus gibt es aber auch Abweichungen – so haben wir schon mal einen Kranz für einen neu errichteten Hühnerstall gebunden.

Gibt es besondere Kränze für besondere Anlässe?
Ja, die gibt es. Zur Geburt eines Kindes gibt es eine Wäscheleine mit Babykleidung und Windeln dran, zum 25. Geburtstag für unverheiratete Frauen einen Schachtelkranz aus alten Zigarettenschachteln („Alte Schachtel“) und für unverheiratete Männer einen Flaschenkranz aus Bier- oder Schnapsflaschen („Alte Flasche“). Wer mit 40 noch nicht verheiratet ist, bekommt einen Sockenkranz („Alte Socke“). Frisches Grün ist bei diesen Arten von Kränzen allerdings nicht vorgesehen.

Was ist denn das so genannte Kindpinkeln?
Das Kindpinkeln ist ein Fest zur Geburt und Lebensfreude. Wenn ein Kind geboren wurde und die Mutter und das Kind wieder aus dem Krankenhaus nach Hause kommen, findet die junge Familie nicht nur einen Kranz an der Haustür – sondern es erwartet sie auch eine spontane, fröhliche Feier im Familien- und Freundeskreis, bei der das Wohl des Vaters besonders im Mittelpunkt steht. Dabei bringt der Besuch Getränke mit und stößt mit dem Vater auf das Neugeborene an. Der Begriff „Kindpinkeln“ hat seinen Ursprung übrigens im Volksglauben: Früher hieß es, das Baby solle „gut pinkeln können“, also gesund und kräftig sein. Das Anstoßen und gemeinsame Feiern soll Glück und Gesundheit für das Kind bringen.

Woher kommen die Traditionen des Kranzbindens und Kindpinkelns?
Das Kranzbinden ist ein typischer Brauch, der in vielen Teilen Norddeutschlands gepflegt wird. Der Brauch hat seinen Ursprung in alten heidnischen und bäuerlichen Traditionen, in denen der Kranz als Symbol für Unendlichkeit, Treue und Fruchtbarkeit galt. Heute gelten sie als Zeichen des Übergangs, der Verbundenheit und Gemeinschaft. Denn dabei wird nicht nur gebunden und getrunken, sondern sich auch viel erzählt. Somit sind Kranzbinden und Kindpinkeln nicht nur liebenswerte Eigenheiten des Nordens – sondern lebendige Zeichen einer Kultur, die Zusammenhalt über alles stellt. Bräuche? Brauchen wir!

In Norddeutschland gibt es übrigens auch besondere Neujahrsbräuche - wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, klicken Sie hier.

Kim Vredenberg-Fastje

ein Heimatkind...
Kim liebt...: ...das Gefühl von Heimat und Meer - und sie hat praktisch beides direkt vor der Haustür.
Lieblingsgetränk: Neben Kaffee, nun ja: am liebsten Wasser. Stilles, weil sie sonst eher laut ist ;o)
Lieblingsthemen?: Einfach alles, was mit Heimat zu tun hat. Es darf auch gerne me(e)r sein.
Bildnachweis/Portrait: Privat

Kim Vredenberg-Fastje

ein Heimatkind...
Kim liebt...: ...das Gefühl von Heimat und Meer - und sie hat praktisch beides direkt vor der Haustür.
Lieblingsgetränk: Neben Kaffee, nun ja: am liebsten Wasser. Stilles, weil sie sonst eher laut ist ;o)
Lieblingsthemen?: Einfach alles, was mit Heimat zu tun hat. Es darf auch gerne me(e)r sein.
Bildnachweis/Portrait: Privat
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