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Ein lebendiger Blick auf die Geschichte unserer Region

Ein lebendiger Blick auf die Geschichte unserer Region

Lohnende Ausflugsziele zum Internationalen Denkmaltag am 18. April
Am 18. April findet wieder der „Internationale Denkmaltag“ statt. Der vom Internationalen Rat für Denkmalpflege 1982 ins Leben gerufene Aktionstag will ähnlich wie der „Tag des offenen Denkmals“ im September oder der „UNESCO-Welterbesonntag“ im Juni auf die Bedeutung unseres baulichen Erbes hinweisen. Und von solchen Zeugnissen aus vergangenen Jahrhunderten hat unsere Region jede Menge zu bieten, wie eine kurze Zeitreise durch die verschiedenen Epochen beweist.

Wer die Geschichte unserer Region erfahren will, der beginnt am besten bei den zahlreichen Großsteingräbern aus der Jungsteinzeit. Diese sogenannten Megalithgräber stammen aus der Zeit um 3.000 v. Chr., als die Jäger und Sammler der Steinzeit zunehmend zu einer bäuerlichen Lebensweise übergingen und sich dabei auch ihr Umgang mit dem Tod änderte. Zu den bekanntesten Anlagen aus dieser Epoche zählen die unweit von Wildeshausen gelegene Visbeker Braut und der vier Kilometer weiter südwestlich beheimatete Visbeker Bräutigam, der mit einer Länge von 104 Metern und einer Breite von neun Metern zu den eindrucksvollsten Megalithgräbern in Nordwestdeutschland zählt. Die ungewöhnlichen Namen der beiden Grabstätten stammen übrigens aus einer alten Sage, nach der eine junge Frau gegen ihren Willen einen reichen Bauernsohn aus der Umgebung heiraten sollte. Als sie mit ihren Angehörigen zur Trauung nach Visbek geführt wurde, da wurde sie schließlich kreidebleich und weinte ganz bitterlich. Den Blick in Richtung Himmel gerichtet rief sie laut aus, dass sie lieber in Stein verwandelt werden wolle, als einen Mann heiraten zu müssen, den sie nicht liebte. Kaum hatte sie das gesagt, da soll der ganze Brautzug an Ort und Stelle zu Stein erstarrt sein. Und das gleiche Schicksal soll wenige Kilometer entfernt auch den Bräutigam ereilt haben.

Ähnlich beeindruckend ist das nicht weit entfernt auf einer 40 Hektar großen Heidefläche gelegene Pestruper Gräberfeld. Die Anlage stammt aus der Zeit um 900 bis 200 v. Chr. und gilt als die größte bronze- und eisenzeitliche Begräbnisstätte im nördlichen Mitteleuropa. Sie umfasst insgesamt rund 600 Grabhügel, die jeweils etwa einen Meter hoch sind und einen Durchmesser von sechs bis zwölf Meter haben.

Tiefstes Mittelalter: Klöster und friesische Häuptlingsburgen
Deutlich jünger, aber immerhin noch fast 800 Jahre alt ist das Kloster Hude, das 1232 als ehemalige Zisterzienserabtei errichtet wurde und das in seiner Blütezeit das geistliche und wirtschaftliche Zentrum der Region war. Im Verlauf der Reformation folgte der allmähliche Niedergang des Klosters, zahlreiche Elemente der Anlage wurden daraufhin abgebrochen. Seit 1687 ist die verbliebene Ruine in Privatbesitz und in Teilen bewohnt. Ebenfalls noch aus dem 13. Jahrhundert stammt das Kloster Ihlow, das einst als größtes Gotteshauses zwischen Bremen und Groningen galt, das heute aber nur noch als „Imagination“ in Originalgröße zu bewundern ist. Eine wichtiger Baustein ist dabei der unterirdische „Raum der Spurensuche“, in dem neben freigelegten Fundamentresten und Grabstätten auch eine Ausstellung zur Geschichte des Klosters gezeigt wird.


Der Upstalsboom bei Aurich

Eine große Rolle für die Geschichte der Region spielte zur gleichen Zeit der bis heute erhalten gebliebene Upstalsboom bei Aurich. Die 6,80 Meter hohe Steinpyramide diente zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert als Versammlungsstätte, an der die Abgesandten der friesischen Landesgemeinden zusammenkamen, um ihre Einheit und die ihnen angeblich einst von Karl dem Großen zugesagte „Friesische Freiheit“ zu beschwören. Seit dem 14. Jahrhundert ging diese Macht zunehmend an die ostfriesischen Häuptlinge über. Wichtige Zeugen aus dieser Zeit sind die über ganz Ostfriesland verteilten Wehr- und Prachtbauten der ehemaligen Häuptlingsfamilien. Erhalten geblieben davon sind unter anderem die Harderwykenburg in Leer, Schloss Lütetsburg bei Norden, die Manningaburg in Pewsum, die Burg Hinta bei Aurich oder das Steinhaus Bunderhee bei Leer.


Schlösser aus der Zeit der Renaissance bis zum Klassizismus

Ein weiteres bedeutendes Bauwerk aus dem 14. Jahrhundert war die ehemalige Burg des Häuptlings Edo Boings, die aber 1514 zerstört und durch eine zweiflügelige Wasserburg, das spätere Schloss Gödens ersetzt wurde. Nach einem Brand im Jahr 1669 wurde die teilweise im niederländischen Renaissancestil ergänzte Anlage weitgehend neu aufgebaut und erhielt schließlich seine bekannte barocke Gestalt. Heute kann man in in dem denkmalgeschützten Ensemble mehrmals im Jahr unterschiedlichste Veranstaltungen erleben, darunter Konzerte, Kunstausstellungen oder die bekannte Landpartie.


Die Evenburg in Leer


Das Oldenburger Schloss


Das Rasteder Schloss

Weitere bedeutende Wasserburgen aus dieser Zeit sind die 1642 fertiggestellte Evenburg in Leer, die seit dem 19. Jahrhundert im neogotischen Stil erweitert und umgestaltet wurde, das seit 1607 im Renaissance-Stil überbaute und später vielfach ergänzte und veränderte Schloss Oldenburg oder das 1534 an Stelle einer ehemaligen Häuptlingsburg errichtete und später im niederländischen Barockstil umgestaltete Schloss Dornum, wo neben alljährlichen Ritterspielen auch Kunsthandwerkermärkte, Konzerte oder andere Veranstaltungen stattfinden. Ebenfalls auf das 17. Jahrhundert zurück geht auch das ursprünglich in Barockformen errichtete Schloss Rastede, das seit 1780 im Stil des Klassizismus umgestaltet wurde.

Bauwerke aus der Zeit der Industrialisierung bis zur aufkommenden Moderne
Weitere charakteristische Bauwerke im Nordwesten sind die verschiedenen Mühlen und Leuchttürme. Sehenswert sind insbesondere die 1880 als Galerieholländermühle errichtete Mühle in Hage, die mit einer Höhe von über 30 Metern als bundesweit höchste Mühle gilt, oder die beiden Zwillingsmühlen in Greetsiel. Ebenso typisch für die Region sind die zahlreichen Leuchttürme, darunter der 1891 eröffnete Campener Leuchtturm, der mit einer Höhe von 63 Metern der höchste Leuchtturm in Deutschland ist, oder der Leuchtturm in Pilsum, der insbesondere durch den Otto-Film „Der Außerfriesische“ von 1989 bundesweit bekannt wurde. Ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammt die Eisenhütte Augustfehn, die seit der umfassenden Sanierung aus dem Jahr 2014 als attraktive Gastronomie offen steht und in welcher regelmäßig auch Trauungen stattfinden.


Die Greetsieler Zwillingsmühlen

Unter den denkmalgeschützten Bauten des 20. Jahrhunderts ragt in der Region vor allem das 1908 von dem Bremer Architekten Heinz Stoffregen entworfene Gebäude-Ensemble auf dem Rathausplatz in Delmenhorst hervor. Der Komplex setzt sich zusammen aus dem 44 Meter hohen Wasserturm, dem 1914 fertiggestellten Rathausgebäude, der ehemaligen Feuerwache und der in kreisrunden Formen gestalteten Markthalle, die bis 1955 durch einen Arkadengang mit dem Rathaus verbunden war.

Zwei weitere sehenswerte Beispiele aus der Zeit der Klassischen Moderne sind die beiden Wassertürme in Hohenkirchen und in Bad Zwischenahn, die beide in den 1930er-Jahren durch den renommierten Hamburger Architekten Fritz Höger errichtet wurden. Der Bau in Bad Zwischenahn ist sogar öffentlich begehbar und lockt mit einer Aussichtsplattform in 35 Metern Höhe. Der traumhafte Rundum-Blick auf den Ort und aufs Zwischenahner Meer lässt die 180 Stufen schnell vergessen. Es lohnt sich also, den Norden zu erkunden und dabei auch einen Abstecher zu den zahlreichen Baudenkmälern zu machen!


Bildnachweis:
Titelbild "Kloster Hude": gg-foto/shutterstock.com

Bild "Upstalsboom": Perc Ilka/shutterstock.com
Bild "Evenburg": IURII BURIAK/shutterstock.com
Bild "Schloss Oldenburg": LaMiaFotografia/shutterstock.com
Bild "Zwillingsmühlen Greetsiel": Harald Lueder/shutterstock.com

Robert Uhde

von Düsseldorf nach Oldenburg
Von Düsseldorf nach...: ...Oldenburg
Wie alles begann oder wo sind Ihre beruflichen Wurzeln?: Ich habe Kunst und Germanistik studiert.
Und heute?: ...arbeite ich seit 1997 als freier Journalist. In meiner Freizeit bin ich viel mit dem Fahrrad unterwegs, spiele Gitarre in meiner Band JazzCycle.
Bildnachweis/Portrait: Feindesign, Daniel Penschuck