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„Drifter“ zeigen Weg des Plastiks

„Drifter“ zeigen Weg des Plastiks

Tote Seevögel, in deren kleinen Mägen sich Unmengen an Plastik angesammelt haben. Leblose Delfine mit Fischernetzen, in denen sich ihre sonst so wendigen Körper verfangen haben. Schwerverletzte Schildkröten, die sich und ihren schützenden Panzer von umhüllenden Fremdstoffen befreien wollten. Das ist kein Einstieg in einen gruseligen Film – sondern Realität. Es ist erschreckend und traurig zu gleich: In unseren Weltmeeren landet immer mehr Müll – und bedroht zahlreiche Lebewesen im, am, auf und über dem Wasser. Doch es gibt mutige Forscher aus unsere Region, die an die Natur und an die Willensstärke der Menschen glauben, die Welt ein Stück besser zu machen: Sie wollen die Wege des Plastikmülls ergründen – und engagierte Bürger sollen helfen.

Welche Folgen hat der Plastikmüll in den Ozeanen?
Gravierende! Mehr als zehn Millionen Tonnen Abfälle gelangen laut NABU jährlich in unsere kostbaren Weltmeere, den Lebensraum abertausender Meerestiere. Zehn Millionen! Jedes Jahr! Eine unfassbare Zahl. Und eine riesige Bedrohung – die sich mit Sicherheit eindämmen ließe. Denn rund drei Viertel des gesamten Meeresmülls ist Kunststoff. Dabei sind die Plastikteile unterschiedlich groß. Und da liegt ein Problem: Denn von der Katastrophe selbst sehen wir maximal zehn Prozent – der Rest versinkt von Landbewohnern unbemerkt auf den Meeresboden. Und da liegt das zweite Riesenproblem, im wahrsten Sinne: Denn Plastik zersetzt sich nur sehr langsam im salzigen Wasser – und schickt seine kleineren Ableger weiter auf große Fahrt durch die Weltmeere. Dadurch verenden laut NABU jedes Jahr bis zu 135.000 Meeressäuger und eine Million Meeresvögel.

Auch Muscheln und Korallen sterben: Denn sie fressen kleinere Plastikteilchen, die mit im Meerwasser gelösten Umweltgiften wie Insektiziden verseucht sind. Und früher oder später kommt alles wieder zu uns Menschen zurück. Denn wir essen die Meeresbewohner, die bei den Zersetzungsprozessen des Plastiks gefährlichen Inhaltsstoffen ausgesetzt waren. Na dann: Guten Appetit.

Welche Lösung gibt es, um die Plastikwelle einzudämmen?
Ein Lösungsansatz kommt von Forschern aus Oldenburg: Wir müssen die Wege identifizieren, auf denen der Müll in die Meere gelangt. Und wie er es tut, zum Beispiel durch unsachgemäße Entsorgung. Und wie soll das funktionieren? Die Wissenschaftler starteten ihr Projekt in der Nordsee. Dafür setzten sie in Wilhelmshaven zunächst 800 sogenannte Holzdrifter aus. Holzstücke unterschiedlicher Dicke, die sich im Wasser wie Plastik verhalten. Jedes Holzplättchen ist mit einer kurzen Erklärung versehen und besitzt eine eigene Identifikationsnummer, so dass es bei einem Fund eindeutig zugeordnet werden kann. Bis zum Jahr 2018 wurden knapp 100.000 solche Drifter in die Nordsee und deren Zuläufe gesetzt. Und ab da waren und sind die Bürger gefragt: Wer einen findet, soll dieses angeschwemmte Stück bitte mit der Nummer und dem Fundort an die Universität Oldenburg melden.

Was bringt das Melden der Drifter-Fundorte?
Zunächst einmal sollen so Quellen und Verbreitungspfade von Plastikteilen ab fünf Millimetern Größe in der Nordsee untersucht werden. Und langfristig erhoffen sich die Forscher, künftig Vorhersagen über die Ansammlung von besonders viel Plastikmüll in den Ozeanen treffen zu können. 1992 hat es ein ähnliches „Projekt“ gegeben, das jedoch zufällig ins Schwimmen kam: Ein Container mit zahlreichen Quietscheenten stürzte in den Nordpazifik – anhand derer Wissenschaftler die Wege durch die Weltmeere nachvollziehen konnten.

Wie kann ich einen Drifter melden?
Das ist ganz einfach: Wenn Sie einen Drifter am Strand gefunden haben, können Sie diesen entweder über die App „BeachExplorer“ melden oder aber auf der Website des Projekts auf einer Karte eintragen. Sie müssen sich für beide Fälle nicht anmelden oder registrieren. Die App hat den Vorteil, dass Sie den Fund an Ort und Stelle melden und nicht nur Drifter, sondern auch weitere Müllfunde angeben können. Übrigens: Sie dürfen den Drifter gerne behalten – als Andenken an Ihren Beitrag zum Schutz der Weltmeere. Wenn Sie ihn nicht behalten möchten, werfen Sie ihn bitte genau an der Stelle wieder ins Wasser, wo Sie ihn gefunden haben.

Sie können auch vorab Ihren Standurlaub mit aktivem Umweltschutz verbinden und beim Standspaziergang Ausschau nach Holzdriftern oder Makroplastik halten. Setzen Sie bei einem Fund, den Sie auf der Website melden möchten, einfach einen Punkt in die Karte, wählen Sie das Datum des Fundtages und tragen Sie die Drifter-ID ein. Sie können auch einen Kommentar hinterlassen, das ist aber kein Muss. Absenden bzw. Speichern und fertig. Spannende: In der Drifterkarte können Sie auch Funde anderer Personen sehen – natürlich ebenfalls anonymisiert.

Wie können wir selbst den Plastikmüll stoppen?
Im Kleinen: Jeder sollte seinen eigenen Kunststoffkonsum überdenken – und wenn möglich eindämmen. Denn Kleinvieh macht auch Mist. Und eine Plastiktüte beim Einkauf kann später ein Bindeglied eines Plastikteppichs im Meer sein. Besonders problematisch: Einwegplastik. Ob Strohhalme, Becher oder Flaschen – viele dieser einmal benutzten Kunststoffe finden sich später als Fundstücke beim Strandspaziergang wieder. Gut, wenn wir auf Alternativen setzen können: Der Mehrwegbehälter beim Fleischer, die Stofftüte beim Bäcker, der Verzicht auf Plastiktüten beim Einkauf. Und, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, schon alleine aus Respekt gegenüber der Umwelt und sich selbst: Keinen Müll achtlos wegwerfen. Denn der Wind kann diese auch über Flüsse ins Meer treiben. Jeder von uns kann dazu beitragen, dass die Meere sauberer werden – wenn wir begreifen, dass der Schutz der Meere schon zu Hause anfängt. Mit unserem Konsum in der heutigen Wegwerfgesellschaft.

Was kann im Großen gegen die Vermüllung der Meere getan werden?
Um den in den Ozeanen treibenden Plastikmüll aufzuhalten, gibt es mehrere Möglichkeiten: Eine davon sind Schwimmbarrieren, die Treibgut wie Tüten, Flaschen und sonstigen Unrat an der weiteren Reise hindern. Oder auch Versuche, den Müll mit schwimmenden Schläuchen einfach wegzusaugen – wie Zuhause mit dem Staubsauger. Doch die Kraft der Natur, Wind und Wellen, dürfen bei diesen Vorhaben nicht unterschätzt werden und stellen die Wissenschaftler vor extreme Herausforderungen im Kampf gegen die Vermüllung der Meere.


Auch an Land tut sich einiges, zwar langsam aber immerhin: Manche Länder verbieten Plastiktüten oder Mikroplastik in Kosmetika. Es werden wirklich abbaubare Alternativen erforscht und da, wo es bereits geht, eingesetzt. Umverpackungen sollten von Unternehmen wie Verbrauchern hinterfragt und vermieden werden. Und vielleicht könnte es auch härtere Strafen oder Sanktionen geben, wenn jemand bei der „natürlichen Müllentsorgung“ erwischt wird – ob Industrie oder Privatperson.

Sie wollen mehr erfahren und Drifter-Finder werden?
Dann surfen Sie auf die Seite des Forschungsprojekts unter http://portal.macroplastics.de/index.php?page=mitmachen oder laden Sie sich die App „BeachExplorer“ direkt auf Ihr Smartphone.

Bildnachweis:
Titelbild "Drifter": Marc Dallek

Kim Vredenberg-Fastje

ein Heimatkind...
Kim liebt...: ...das Gefühl von Heimat und Meer - und sie hat praktisch beides direkt vor der Haustür.
Lieblingsgetränk: Neben Kaffee, nun ja: am liebsten Wasser. Stilles, weil sie sonst eher laut ist ;o)
Lieblingstemen?: Einfach alles, was mit Heimat zu tun hat. Es darf auch gerne me(e)r sein.
Bildnachweis/Portrait: privat